ZAAR - Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht
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Art der Darstellung

Stil

Oberste Richtschnur: Sie schreiben für den Leser, nicht für sich selbst. Sie wollen in der Sache mit klugen Gedanken und Argumenten überzeugen. Die Dissertation ist kein Tätigkeitsbericht über das eigene Denken und Erleben. Der Leser will das nicht wissen. Sie präsentieren ein Arbeitsergebnis und keine Prozessdarstellung.

  • Keine Lehrbuchausführungen, die nur zeigen, in welche Rechtsgebiete der Doktorand sich hat einarbeiten müssen (und ob ihm dies gelungen ist). Vielmehr muß an jeder Stelle des Textes erkennbar sein, weshalb dem Leser diese Ausführungen zugemutet werden. Wie in der Klausur gilt: Wofür kommt es darauf an?
  • Vermeiden Sie Schachtelsätze, unnötige Fremdwörter, Substantivierungen (Nominalstil) und Scheinverben („stellt sich dar“, „erscheint“ statt „ist“).
  • Vermeiden Sie nichtssagende „Blähwörter“: so genügt statt „Fragestellung“ schlicht Frage; statt „Thematik“ genügt Thema. Räume statt Räumlichkeiten; Problem statt Problematik; Kostenpflicht statt Kostenpflichtigkeit, ebenso Sozialplanpflicht; Vorrang statt Vorrangigkeit. Hierher rechnen viele Substantivierungen (ganz schlimm: Beinhaltung, Verortung). Schlimm auch das Wort „seitens“. Hier genügt „von“.
  • Reihen Sie bei der Erörterung eines Problems nicht wahllos Literatur und Rechtsprechung aneinander; eine Frage muß aufgeworfen, erörtert und beantwortet werden. Der Leser muß den „roten Faden“ der Gedankenführung erkennen können.
  • Die direkte Frage kann punktuell ein gutes Stilmittel sein, darf aber nicht zur Regel werden (affektiert).
  • Bei stilistischen Zweifelsfragen ist es ratsam, eine Stilkunde heranzuziehen. Überhaupt empfiehlt es sich intensiv über Sprache und ihre Darstellungsmöglichkeiten nachzudenken. Der beste Gedanke hilft wenig, wenn er nicht mit dem Mittel der Sprache an den Adressaten gebracht werden kann. Den Stil verbessern - das heißt den Gedanken verbessern und nichts weiter! [Nietzsche].
    Beim Nachdenken über Sprache leisten eine Reihe von Werken gute Hilfe:
    • recht leichtgängig (für Einsteiger und Mittelbegabte): Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - und die Zwiebelfisch-Kolumne des Autoren: www.spiegel.de/zwiebelfisch
    • für Juristen unentbehrlich: Ludwig Reiners, Stilkunst (bis auf das überholte Fremdwortkapitel)
    • moderner (und sprachlich griffiger) die zahlreichen Bücher von Wolf Schneider, vor allem: „Deutsch für Profis” und „Deutsch für Kenner”
    • gebildet aber unterhaltsam - Sprachglossen: Gauger, Was wir sagen, wenn wir reden
    • anspruchsvoll: Thalmayr (Pseudonym von Hans Magnus Enzensberger), Heraus mit der Sprache
    • und für die Herzenssprachbildung die Kurztexte von Max Goldt.
  • Deswegen ist am Ende der Arbeit stets ein Sprachdurchgang vorzunehmen.

Abschreckender Papierstil

Wunderbar erhellend sind „Die 18 Regeln des Papierstils“ von Ludwig Reiners (aus seinem gerade für Juristen unentbehrlichen Werk Stilkunst):

Papierdeutsch lernt man leicht; man muss nur die folgenden 18 Regeln beachten. Oder auf Papierdeutsch: man kann sagen, daß, sofern man sich hinsichtlich Beachtung der nächstfolgenden Anweisungen keinerlei Außerachtlassung zuschulden kommen läßt, die Inbenutzungnahme des Papierstils als eine unschwierige zu bezeichnen sein dürfte.
  1. Benütze nie einfache Zeitwörter! Es heißt nicht sein, sondern sich befinden; nicht haben, sondern über etwas verfügen; nicht können, sondern sich in der Lage sehen. Schon Gott hat gerufen: Adam, wo befindest du dich? Jedermann weiß: die Summe aller guten Dinge beziffert sich auf drei. Und: ein gutes Gewissen stellt sich als ein sanftes Ruhekissen dar.
  2. Ersetze die echten Zeitwörter durch Hauptwörter, die du mit einem saftlosen allgemeinen Zeitwort verbindest. Es ist ganz ungebildet zu sagen: Meyer starb am 1. April. Es muss heißen: Der Tod Meyers erfolgte am 1. April. Ich vermag nicht in eine mildere Beurteilung der erst­genannten Ausdrucksweise einzutreten.
  3. Bilde fleißig neue Zeitwörter aus Hauptwörtern, zum Beispiel bevorschussen, bevorzugen, beinhalten. Aus solchen Zeitwörtern bilde dann wieder Hauptwörter: Bevorschussung, Bevorzugung. Das Vorbringen des Angeklagten machte einen sehr schlechten Eindruck, denn seine Beinhaltung stand im Widerspruch zu seiner sonstigen Haltung. An die Beinhaltung muß sich der Leser eben gewöhnen.
  4. Bringe möglichst viele Hauptwörter auf -ung, -heit, -keit in Anwendung. Der Stil gewinnt so eine prachtvolle Klangformung, erhält eine schöne Abgezogenheit und ist plumper Verständlichkeit nicht so ausgesetzt. Der Fall ist verwickelt, so ein Satz ist ein gemeines Umgangsdeutsch. Der Fall liegt in hohem Maß verwickelt ist etwas besser. Ganz richtig muss es aber heißen: Die Lagerung des Falles ist eine hochgradig verwickelte. Hätte Luther ein sorgfältigeres Deutsch geschrieben, so würde der Anfang der Bibel lauten:
    Am Anfang erfolgte seitens Gottes sowohl die Erschaffung des Himmels als auch die der Erde. Die letztere war ihrerseits eine wüste und leere und ist es auf derselben finster gewesen, und über den Flüssigkeiten fand eine Schwebung der Geistigkeit Gottes statt.
  5. Setze überhaupt statt kurzer konkreter Hauptwörter lange und abstrakte. Nicht die Wege sind schlecht, sondern die Wegverhältnisse. Es heißt auch nicht zum Schlachten, sondern für Schlachtzwecke; nicht bei Gefahr, sondern in Gefahrsfällen. Sage nicht Einfluß, sondern Einflußnahme! Die deutsche Sprache gestattet beliebige Zusammensetzungen, von der Großvaterwerdung Bismarcks und der In-die-Luft-Sprengung des Hauses bis zur Großeheanbahnung und der Zeit ihres In-die-Jahre-Kommens.
  6. Auch die Verhältniswörter (Präpositionen) sind von unschöner Kürze. Man muss sie daher verlängern. Nicht nach Vorschrift, sondern nach Maßgabe der Vorschriften; nicht mit, sondern unter Zuhilfenahme. Auch Wörter wie seitens, behufs, anläßlich, vermittelst haben einen etwas vornehmeren Umfang als solche Zwerggebilde wie von, zu, bei und wegen. Eile vermittelst Weile. Schon die einst berühmte Stilistik von Karl Ferdinand Becker lehrte: „In Beziehung auf die Schönheit des Stiles ist auf den gehörigen Gebrauch der Nebensätze zu achten.“
  7. Vornehme Länge und wohl abgewogene Unentschiedenheit – die beiden Hauptkennzeichen eines guten Stils – lassen sich auch durch vernichtende Ausdrucksweise erzielen. Man sagt also nicht Der Schaden ist groß, sondern Mit der Entstehung eines nicht unerheblichen Schadens dürfte zu rechnen sein.
  8. Bring in jedem Satz das Wort derselbe in Anwendung. Derselbe gewinnt dadurch logische Klarheit. Auch ein häufiges einerseits – andererseits gibt dem Satz ein vornehmes Gepräge. Tue einerseits recht und scheue andererseits niemand.
  9. Für eine ausreichende bzw. vollständige Klarheit ist das Wort beziehungsweise (respektive in Österreich beziehentlich) unentbehrlich. Ich habe Barbara bzw. Andreas eine Puppe bzw. Autos mitgebracht. Lass dir nie einreden, die Wörtchen und bzw. oder reichten als Ersatz aus und Sätze, die denn unklar blieben, wären schlecht gegliedert. Ich habe Barbara eine Puppe und Andreas Autos mitgebracht klingt wie gewöhnliche Menschenrede und ist daher ein schlechtes Deutsch.
  10. Sorge dafür, dass die altüberlieferten, ehrwürdigen Kanzleiausdrücke nicht abgeschafft werden. Diesbezügliche Bemühungen bzw. Anstrengungen sind dortseits streng zu unterbinden. In Beantwortung Ihrer geschätzten Anfrage vom ... teilen wir Ihnen mit wie folgt ... Freilich will das geübt sein. Kein Meister fällt als solcher vom Himmel.
  11. Der Papierstil ist ein kunstvoller, also setze vor derartige Beiwörter stets ein. Lass dir auch nicht einreden, man dürfe nur dann sagen die Kirsche ist eine saure, wenn sie zur Art der sauren Kirschen gehöre; der Zeichenlehrer müsse sagen: diese Linie ist eine krumme. Das sind Schulfuchsereien. Schon Schiller hat gesagt: Der Wahn ist ein kurzer, die Reue ist eine lange.
  12. Stelle möglichst kein Hauptwort nackt hin, sondern - wenn du kein Beiwort dazusetzen kannst - dann füge wenigstens ein Mittelwort (Partizip) hinzu: die gemachten Erfahrungen, die getroffenen Feststellungen, die erhaltenen Bezüge, die gegebenen Daten, die durchgeführte Untersuchung. Wenn man das Mittelwort wegläßt, bleibt der Sinn zwar der gleiche, aber der Satz verliert die abgerundete Schallform. Man soll den Tag nicht vor dem eingetretenen Abend loben.
  13. Baue lange Sätze! Da bekommt der Leser Respekt. Möglichst je Seite ein Satz! Falle deshalb nicht mit der Tür ins Haus, sondern schicke jedem Satz einen Vorreiter voraus: Man darf sagen, es versteht sich von selbst, es bedarf keiner Erwähnung, es kann davon ausgegangen werden. Oder:  Bevor ich beginne, möchte ich, ohne mich in Einzelheiten zu verlieren, nicht auf die Feststellung verzichten, daß ... Auf diese Weise kommt der eigentliche Inhalt schön in den Nebensatz, wo ihn der Leser nicht so schnell versteht. Das ist sehr wichtig; denn wenn der Leser dich schnell versteht, merkt er womöglich gar nicht, dass du viel klüger bist als er.
  14. Wenn du etwas Gesprochenes wiedergibst, so setze es mit Hilfe des Wortes dass in die indirekte Rede. Sie ist weit feiner. Und Gott sprach, daß es Licht werden sollte.
  15. Setze jeden Satz möglichst in die Leideform (Passiv). Die Karten sind von dem Gemeindevorstand zu bestellen. Freilich weiß man nicht recht, ob der Gemeindevorstand die Bestellungen erhalten oder erteilen soll; aber das schadet nichts. Auch keine Härten kann man beim Passiv in Kauf nehmen: Mit dem Stadtratbeschluss wurde sich einverstanden erklärt oder Die Schulbehörde kam diesem Antrag nach, obwohl auch meinerseits aus Gründen der Überbürdung sich dagegen erklärt worden war.
  16. Man sage nichts gerade heraus, sondern schwäche es ein wenig ab. Wo ein Wille dazu da ist, dürfte auch ein Weg sein.
  17. Bezeichne alle Dinge recht ausführlich. Es ist oberflächlich zu sagen: er zahlte drei Mark; richtig ist den Betrag von drei Mark. Es heißt auch nicht: auf zwei Jahre, sondern auf die Dauer von zwei Jahren.
    Man kann gar nicht ausführlich genug sein; das dumme Volk der Leser versteht es sonst nicht. Wieviel Unglück kann aus so unklaren Zwergsätzen entstehen wie: Alle Mann an Deck. Im guten Deutsch heißt es: Die unter Deck befindlichen Fahrgäste einschließlich des Personals haben sich mit sofortiger Wirkung an Deck zu begeben.
    Schließe jedes Missverständnis durch reichliche Wiederholungen aus: „Wenn ein Haus brennt, so muß man vor allen Dingen die rechte Wand des zur Linken stehenden Hauses, und hingegen die linke Wand des zur Rechten stehenden Hauses zu decken suchen, denn wenn man zum Exempel die linke Wand des zur Linken stehenden Hauses decken wollte, so liegt ja die rechte Wand des Hauses der linken Wand zur Rechten, und folglich, da das Feuer auch dieser Wand und der rechten Wand zur Rechten liegt (denn wir haben ja angenommen, dass das Haus dem Feuer zur Linken liegt), so liegt die rechte Wand dem Feuer näher als die linke, und die rechte Wand des Hauses könnte abbrennen, wenn sie nicht gedeckt würde, ehe das Feuer an die linke, die gedeckt wird, käme; folglich könnte etwas abbrennen, das man nicht deckt, und zwar eher, als etwas anderes abbrennen würde, auch wenn man es nicht deckte; folglich muß man dieses lassen und jenes decken. Um sich die Sache zu imprimieren, darf man nur merken: wenn das Haus dem Feuer zur Rechten liegt, so ist es die linke Wand, und liegt das Feuer zur Linken, so ist es die rechte Wand.“ (Georg Chr. Lichtenberg)
  18. Wenn du alle diese Kunstmittel geschickt verbindest, dann wirst du den Kanzleistil zum Wirklichen Geheimen Kanzleiratstil steigern und so schöne Sätze schreiben wie:
    „Diejenigen Personen, welche die Absicht haben, die militärische Laufbahn einzuschlagen, haben ihrerseits die Verpflichtung, sich als solche unverzüglich in den Besitz eines Gewehres zu setzen. Letzteres muss von denselben unter Zuhilfenahme einer schwerwiegenden Kugel vermittelst Pulver zur Ladung gebracht werden.“
    Wieviel klarer und unmissverständlicher ist dieser Satz als das banale: „Wer will unter die Soldaten ...“

Beispiel für Neusprech

„Danach sind auch gegen tarifvertragliche Altersgrenzen, die an die Möglichkeit der Beantragung, einer (auch vorzeitigen) Altersrente anknüpfen, keine Bedenken zu erheben.”

1. Schritt: aus „Beantragung” wird „zu beantragen”
Danach sind auch gegen tarifvertragliche Altersgrenzen, die an die Möglichkeit anknüpfen, eine (auch vorzeitige) Altersrente zu beantragen, keine Bedenken zu erheben.

2. Schritt: aus dem passiven „Möglichkeit” wird ein Subjekt (Arbeitnehmer) + kann
Danach sind auch gegen tarifvertragliche Altersgrenzen, die daran anknüpfen, dass der Arbeitnehmer eine (auch vorzeitige) Altersrente beantragen kann, keine Bedenken zu erheben.

3. Schritt: Füllwörter und redundanten Schwulst („auch“ „keine Bedenken zu erheben“) entfernen
Danach kann der Tarifvertrag mit der Altersgrenze daran anknüpfen, dass der Arbeitnehmer eine (auch vorzeitige) Altersrente beantragen kann.

4. Schritt: „Der Tarifvertrag“ handelt nicht. Besser: „Die Tarifparteien“.
Danach können die Tarifparteien mit der Altersgrenze daran anknüpfen, daß der Arbeitnehmer eine (auch vorzeitige) Altersrente beantragen kann.

5. Schritt: „anknüpfen” ist in der Aussage zu schwach, es geht doch um die Rechtfertigung (gegenüber der mittelbaren Grundrechtsbindung aus Art. 12 Abs. 1 GG)
Danach können die Tarifparteien die Altersgrenze damit rechtfertigen, dass der Arbeitnehmer eine (auch vorzeitige) Altersrente beantragen kann.

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